Wirtschaftsspiegel der TechnologieRegion

200 Jahre nachdem Freiherr Karl von Drais die Welt auf Räder gestellt hat, ist die TechnologieRegion Karlsruhe (TRK) erneut dabei, die globale Mobilität zu verändern. Was heute hier vor unserer Haustür entwickelt und getestet wird, macht den Verkehr der Zukunft smarter, nachhaltiger, effizienter und umweltschonender. Deshalb beschäftigt sich die 60. Auflage des „Wirtschaftsspiegels“ im Schwerpunkt mit dieser nächsten, digitalen Revolution der Mobilität, die Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gemeinsam vorantreiben. Unsere Autoren zeigen eine Region in voller Fahrt – innovativ, dynamisch und zukunftsorientiert. Auf 124 Seiten werfen sie Blicke hinter die Kulissen der einzigartigen Wirtschaftsszene in der TechnologieRegion.

Acht Themenbereiche verleihen dem „Wirtschaftsspiegel“ Struktur. Sie lassen Raum für aktuelle Entwicklungen, für Zukunftsvisionen und für Rückblicke. Dem Tempo und der Kraft des digitalen Wandels widmet der „Wirtschaftsspiegel“ ebenso ein eigenes Kapitel wie der Auswirkung der Mobilität von Morgen auf den Menschen. Pioniere vergangener Tage finden ihren Platz direkt neben Visionären von heute. Wie Städte und Gemeinden in der ganzen TechnologieRegion Karlsruhe die wirtschaftliche Entwicklung fördern und begleiten, erklären Verantwortliche in verschiedenen Interviews.

Mit der Infrastruktur im Wandel beschäftigt sich der „Wirtschaftsspiegel“ gleich in mehreren Artikeln, denn erst die passenden Wege über und unter der Erde, in der Luft und am Boden verbinden die TechnologieRegion mit der Welt. Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister aus der ganzen TRK erklären, wie sie die Potentiale noch weiter entwickeln wollen. Einen unorthodoxen Blick auf die Mobilität bekommen die Leser durch Extremsportler Norman Bücher. Die „weichen“ Faktoren bei der Sicherung der Spitzenforscher und Fachkräfte der Zukunft stellt der „Wirtschaftsspiegel“ im Themenkomplex „Neue Wohn- und Arbeitswelten“ vor. Zum Schluss werfen unsere Autoren noch einen Blick hinaus über den Tellerrand – und sie zeigen, dass die TRK selbst mit dem weltberühmten Silicon Valley auf Augenhöhe liegt. Regional verwurzelt und international anerkannt durch Projekte wie RegioMOVE oder das Testfeld Autonomes Fahren.

„Die TechnologieRegion Karlsruhe gestaltet die Zukunft der Mobilität“, sagt der TRK-Vorsitzende und Karlsruher Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup in seinem Grußwort zu Beginn des Magazins. Wie Sie damit dem Geiste von Karl von Drais folgt, das können Sie ab sofort nachlesen.

Der „Wirtschaftsspiegel der TechnologieRegion Karlsruhe“ ist erhältlich in allen Rathäusern, direkt über Baden TV oder hier online.

Grußwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die TechnologieRegion Karlsruhe gestaltet die Zukunft der Mobilität. Projekte wie RegioMOVE, bei dem die Region insgesamt zur Vorreiterin für die Intermodalität zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln wird, oder efeuCampus in Bruchsal mit quartierbezogener Güterlogistik 4.0 im Fokus sind Innovationen aus und in unserer Region, die ihre Stärke aus der intensiven Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zieht. Eingebettet in die Mobilitätsstrategie „smart movement“ kommen mit der Forschungs-Profilregion Mobilitätssysteme und dem Testfeld Autonomes Fahren weitere Vorhaben von internationaler Bedeutung hinzu.

Mit der Ausdehnung des Mobilitätsportals der Technologie Region auf das Nordelsass wird den Menschen im Eurodistrikt PAMINA erstmals ein grenzüberschreitendes Instrument für ihre individuelle Mobiltätsgestaltung zur Verfügung gestellt. Die EU-Projektpartnerschaft Urbane Mobilität macht Stadt und Region zu einem wichtigen Akteur bei der Gestaltung europäischer Verkehrspolitik. Karlsruhe leitet dabei gemeinsam mit der Tschechischen Republik ein mehr als 20 europäische Partner umfassendes Netzwerk zur unmittelbaren Beratung der Kommission. Ziel ist es, europäische Vorgaben für die städtische Mobilität von morgen zu entwickeln. Mit ihren Auftritten in Montréal/Kanada und mehreren Städten in Indien positioniert sich die TechnologieRegion Karlsruhe mit ihren Innovationen in der Mobilität auch außerhalb Europas.

Diesen Prozess wollen wir mit erhöhter Schlagkraft weiter vorantreiben. Dafür steht auch die neue TechnologieRegion Karlsruhe GmbH. In dem neu aufgestellten, leistungsfähigen Verbund aus Unternehmen, Wissenschaftseinrichtungen und den regionalpolitischen Akteuren werden die Kompetenzen in unseren besonderen Clustern Mobilität, Energie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie und ihre Schnittstellen noch stärker in den Mittelpunkt der regionalen Zusammenarbeit rücken.

 

DR. FRANK MENTRUP

Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe,
Vorsitzender der TechnologieRegion Karlsruhe

Leitartikel: Die Zukunft der Mobilität

Unsere Mobilität verändert sich in atemberaubendem Tempo. Die Gründe sind vielfältig, etwa die fortschreitende Digitalisierung, die zunehmende technologische Konvergenz, neue Marktteilnehmer und verändertes Reiseverhalten. Das Beratungsunternehmen Oliver Wyman spricht in seiner Studie „Mobility 2040: Staying Ahead of Disruption“ von zu erwartenden gewaltigen Innovationssprüngen im Transportsektor in den kommenden Jahren. Als Treiber sehen die Studienteilnehmer weniger technologische als vielmehr Marktinnovationen: Als wichtigsten Trend nennen sie die so genannte „Shared Mobility“.

In der TechnologieRegion Karlsruhe – führend in der Mobilitätsforschung im deutschsprachigen Raum – konzentrieren sich Branchenunternehmen, Forschungsinstitute und Mobilitätsexperten. Einige von ihnen hat Baden TV zum Round Table geladen: Moderator Andreas Eisinger sprach mit Dr. Wolfgang Schade (M-Five), Ralf Schairer (MiRO), Prof. Dr. Christoph Walther (PTV Group) und Stephan Wunnerlich (EnBW) über die Mobilität der Zukunft.

Wie wird sich unsere Mobilität in Zukunft verändern?

Schade: Wir haben drei Einflussfaktoren, die zu einem Wandel der Mobilität führen: Erstens, die Anforderungen des Klimaschutzes, bis 2030 40-42% der Treibhausgase gegenüber 1990 zu reduzieren. Zweitens, die Technologie, etwa E-Mobilität und autonomes Fahren. Drittens, die Verhaltensänderung. Da sieht man zumindest bei der jungen Generation, dass das eigene Fahrzeug weniger wichtig wird als in der Vergangenheit und Shared-Mobility Konzepte an Bedeutung gewinnen.

Wann wird die E-Mobilität endlich richtig in Fahrt kommen?

Wunnerlich: Ich glaube, es geht hier um eine Mobilitätsrevolution. Ähnlich wie bei Handy und Smartphone wird es ein paar Jahre dauern, bis sich die Technologie in den Köpfen der Kunden festgesetzt hat und weitere Entwicklungssprünge folgen. Beispielsweise haben wir in Baden-Württemberg, als erstes Bundesland, ein flächendeckendes Netz von Schnellladestationen an Autobahnen errichtet und betreiben im Großraum Stuttgart das deutschlandweit dichteste Normalladenetz.

 

Das Ziel der Bundesregierung – eine Million E-Autos auf deutschen Straßen – ist aber in weiter Ferne.

Wunnerlich: Aktuell tut sich beim Thema E-Mobilität extrem viel und die Entwicklung wird schnell weitergehen. Gerade die deutschen Hersteller sind dabei, eigene Modelle zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Kurzum: Die Reichweiten nehmen zu, die Leistungsfähigkeit der Akkus nimmt zu und parallel dazu wird auch die Ladeinfrastruktur ausgebaut.

Schade: Nicht zu vergessen die Batterieentwicklung: Die hat sich in den letzten ein, zwei Jahren viel schneller entwickelt, als die meisten Experten erwartet haben. Ich hoffe, dass in spätestens zwei Jahren auch E-Fahrzeuge aus Deutschland kommen – bezahlbar und schnell aufzuladen. Die deutschen Hersteller haben einfach zu lange auf die Entwicklung von Verbrennungsmotoren gesetzt.

Schairer: Bedenken Sie die zeitliche Dimension und CO2-Anforderungen der EU! Für eine lange Übergangszeit brauchen wir Hybridlösungen. Daher brauchen wir auch auf diesem Gebiet Innovationen.

Wunnerlich: Da haben Sie natürlich recht, innerhalb von drei Jahren wird nicht alles umgestellt sein. Dafür sind auch zu viele konventionell angetriebene Fahrzeuge unterwegs. Doch die ganze Situation wird sich in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern.

von links: Prof. Dr. Christoph Walther, Dr. Wolfgang Schade, Andreas Eisinger, Stephan Wunnerlich, Ralf Schairer

Schairer: Selbst renommierte Institute, wie etwa das DLR, prognostizieren, dass auch 2040 noch zwei Drittel der Neufahrzeuge Verbrennungsmotoren haben werden. Der Aufwand, um erneuerbare Energien überall in Deutschland in ausreichender Menge bereitzustellen, ist einfach zu hoch.

Walther: Dazu zwei ökonomische Aspekte: Erstens, wenn ich die Anforderungen hochschraube, werden Verbrennungsmotoren für die Hersteller unwirtschaftlich. Und zweitens, wenn die E-Fahrzeuge im Vergleich günstiger werden, kommen sie auch schneller und in größerer Zahl auf den Markt.

Schade: Die Kostenentwicklung ist entscheidend! Irgendwann wird es einen sogenannten Tipping Point geben und dann kippt es schnell in Richtung E-Mobilität. Dann müssen Sie sich im Jahr 2020 fragen, wenn ich mir einen Diesel kaufe, kriege ich den in fünf Jahren überhaupt noch verkauft?

Walther: Wir werden irgendwann einen Gebrauchtmarkt für E-Fahrzeuge kriegen. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Wenn das soweit ist, dann ist ein großer Schritt geschafft.

 

Welche Rolle spielt E-Mobilität beim Erreichen der Klimaziele?

Wunnerlich: E-Mobilität kann durch den Einsatz erneuerbarer Energien die CO2-Emissionen drastisch reduzieren. Dazu braucht es aber auch eine große Anzahl an E-Fahrzeugen – nicht nur im Individualverkehr, sondern auch beim innerstädtischen Lieferverkehr und den Busflotten.

Schade: Noch spielt E-Mobilität bei der Reduktion von Treibhausgasen eine geringe Rolle, aber 2030 wird der Beitrag substanziell sein.

Schairer: Beim Erreichen der Klimaziele bin ich skeptisch: Bis 2015 haben wir lediglich 27% geschafft. Um 40% zu erreichen, müsste man die jährlichen CO2-Emissionen gegenüber den vorangegangenen 25 Jahren um das 2,5-fache reduzieren. Das ist unrealistisch. E-Mobilität kann vielleicht langfristig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dazu aber muss der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden und da sieht die Realität anders aus. Der erneuerbare Strom, der hauptsächlich im Norden gewonnen wird, muss in die Versorgungszentren des Südens transportiert werden. Dazu brauchen wir über 6.000 Kilometer Stromleitungen, von denen bisher etwa 400 Kilometer genehmigt und 80 gebaut worden sind!

Bisher hat die Mineralölwirtschaft zum Rückgang der CO2-Emissionen maßgeblich beigetragen, z. B. durch Beimischung von Biodiesel und Bioethanol. Wir brauchen daher eine technologieoffene Diskussion, keine ideologische, die nur auf Elektromobilität setzt. Bei Zeiträumen von 10, 15, 20 Jahren werden wir uns mit Hybriden oder ähnlichen Technologien beschäftigen müssen. Die Wahrheit liegt u. E. nicht so sehr im Entweder-oder, als vielmehr im Sowohl-als-auch. Zumindest für eine lange Übergangszeit.


Wunnerlich: Das Thema erneuerbare Energien ist extrem wichtig für die Elektromobilität. Bei 1 bis 2 Millionen E-Fahrzeugen auf den Straßen gibt es aber mengenmäßig keine Probleme. Vielleicht muss punktuell die Netzstruktur weiterentwickelt werden. Dies muss jedoch nicht unbedingt über einen Netzausbau passieren, sondern kann durch intelligente Netzsteuerung geleistet werden. Auch hierzu entwickelt EnBW vielversprechende Ansätze.

Schairer: Sie müssen aber auch die Kernkraftwerke ersetzen, die bis 2022 abgeschaltet werden. Wenn wir davon ausgehen, dass wir einen um 20-25% höheren Strombedarf haben, wenn der Verkehr vollständig elektrifiziert wird, gibt es schon eine Versorgungslücke.

Wunnerlich: Bei 1 Million E-Fahrzeugen macht das gerade einmal 1-1,5% des deutschen Stromverbrauchs aus. Wir haben also noch Reserven, auch wenn die Kernkraftwerke abgestellt werden. Parallel dazu wird die erneuerbare Energie ausgebaut. Deshalb sehe ich das ziemlich gelassen.

Welchen Einfluss hat das steigende Verkehrsaufkommen auf die künftige Mobilität?

Walther: Ich glaube nicht, dass das Verkehrswachstum so dramatisch sein wird. Das zeigen auch Prognosen der Bundesverkehrswegeplanung. Klar ist Deutschland ein Transit-Land, daran wird sich nichts ändern. Aber es gibt durchaus Aktivitäten, die Verkehrsströme stabil zu halten, etwa durch Maßnahmen des Verkehrsmanagements und ggf. auch durch Tempolimits. Außerdem gibt es durchaus noch Reserven im Bahnverkehr, wenn wir es schaffen, ihn zu takten. Bei einer besseren Verzahnung zwischen Produktion und Logistik könnten wir viel größere Gütermengen auf die Bahn verlagern.

Schade: Hier steckt in neuen Mobilitätskonzepten durchaus Potenzial, zum Beispiel im Sharing. Nicht nur beim Fahrzeugsharing, sondern auch beim Ridesharing, bei dem ich Fahrten teile. Früher war das mit einem schwarzen Brett verknüpft, mit mehreren Telefonanrufen, um eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Mit neuen Tools, wie Smartphone-Apps oder Geräten, die in Fahrzeugen installiert sind, kann ich mir den Mitfahrer künftig online suchen und muss nicht lange vorausplanen. An dieser Idee arbeiten kleine Start-ups, ebenso wie große Autokonzerne.

Welches Potenzial sehen Sie beim autonomen Fahren?

Wunnerlich: Es ist natürlich hoch interessant, dass hier in der TRK ein Testfeld für autonomes Fahren realisiert wird. Da können wir Infrastruktur-Konzepte testen und Verbrauchs- und Verhaltensgewohnheiten der Kunden untersuchen.

Walther: Für uns als forschendes und Verkehrsplanungs-Unternehmen ist das hoch interessant! Beim autonomen Fahren braucht man viele verschiedene Daten, denn das Fahrzeug muss sich anhand der Umgebung orientieren. Außerdem haben wir die connected mobility, wir kommunizieren mit allen Fahrzeugen um uns herum, um dieses Auto autonom fahren lassen zu können. Dabei entstehen Daten
und Bewegungsbilder, die natürlich fantastische Grundlagen für Verkehrsplanungsmodelle sind.

Schairer: Letztlich ist es eine Frage von Kosten und Sicherheit. Ich könnte mir daher vorstellen, dass so etwas vor allem im Schwerlastverkehr kommerziell Sinn macht. Da PKW-Fahren auch ein Stück weit Ausdruck von Lebensqualität und Lebensfreude ist, wird das autonome Fahren dort vermutlich nicht die erhoffte Resonanz finden.

Schade: Ich denke auch, dass das autonome Fahren beim LKW-Verkehr schneller kommen wird, als beim PKW. Gerade was die schweren Unfälle betrifft, würde das hier Sinn machen. Und energieeffizienter ist es wahrscheinlich auch.

Walther: Technologisch ist das autonome Fahren gar kein Problem; es ist vielmehr ein rechtliches! Wir müssten vollautomatisierten Fahrzeugen eine Ethik programmieren – davon sind wir noch ganz weit entfernt. D. h., vollautomatisiertes Fahren auf einem relativ niedrigen Geschwindigkeitsniveau, in sehr kontrollierten Systemen, könnte sehr schnell Realität werden, z. B. in Innenstädten. Für das generelle automatisierte Fahren gibt es aber noch keine rechtliche Grundlage.

Schade: Wir gehen alle davon aus, dass es beim autonomen Fahren viel weniger Unfälle geben wird. Falls doch mal was passiert, stellt sich die Frage: Wer haftet, der Fahrer oder der Hersteller? Meines Erachtens kommt es nur zum Unfall, wenn der Hersteller etwas falsch programmiert hat, deshalb muss er aus meiner Sicht auch für den Schaden haften.

 

Welche Bedeutung hat der Forschungsschwerpunkt Mobilität in der TRK für ihr Unternehmen?

Walther: Es ist natürlich perfekt, wenn man so renommierte Institute wie das KIT, das FZI, die Hochschule Karlsruhe und viele weitere Einrichtungen in der Nähe hat. Besonders gut ist die Vernetzung all dieser Institute. Hier in Karlsruhe sind Netzwerke entstanden, das ist ein klarer Standortvorteil. Daneben haben wir von PTV ein internationales Netz aufgebaut, um unsere Erkenntnisse auch international diskutieren
zu können.

Schade: Für uns ist es ähnlich. Gerade bei der Mitarbeitersuche ist in der TRK großes Potenzial vorhanden. Wir arbeiten auch an Forschungsprojekten für nationale Ministerien und für die Europäische Kommission – da haben wir hier die Möglichkeit, entsprechende Partner aus der Region zu finden, um gemeinsam Anträge zu stellen. Es hat viele Vorteile, dass die Kompetenzen hier in Karlsruhe wirklich geballt sind.

Wunnerlich: Das kann ich nur bestätigen. Wir haben viele Projektpartnerschaften mit dem KIT, dem Fraunhofer Institut und anderen Forschungseinrichtungen. Auch mit PTV haben wir schon zusammengearbeitet und vielleicht wird es auch mit MiRO dazu kommen. Auch die Stadtwerke Karlsruhe sind ein Partner bei der E-Mobilität, wie auch Stadtmobil. Karlsruhe ist ein sehr guter Standort. Deshalb haben wir hier unseren Innovationscampus angesiedelt. Dort entwickeln wir mit konzerneigenen Start-ups neue Geschäftsmodelle, darunter auch Lösungen für die E-Mobilität und probieren sie aus.

Schairer: Auch wir suchen den Schulterschluss mit dem KIT und überlegen, inwieweit wir unsere Raffinerie in die Energiewende einbinden können. In Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten arbeiten wir beispielsweise an Ersatzkomponenten, die fossile Kraftstoffe ergänzen können – Stichwort „Power-to-Gas“ und „Power-to-Liquid“. 

 

Zum Ende des Gesprächs würde ich gerne noch einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sieht Mobilität im Jahr 2030 aus?

Schairer: Sicherlich nimmt der Anteil der Elektromobilität zu. Ich glaube aber, dass 2030 immer noch 80% der Neufahrzeuge mit fossilen oder hybriden Antriebsaggregaten fahren. Vermutlich werden wir in den urbanen Zentren eine deutlich höhere E-Mobilität haben, als in ländlichen Räumen.

Wunnerlich: Ich hoffe, dass ich auch 2030 mit dem Fahrrad, auch ohne Elektroantrieb, noch überall hinkomme. (lacht) Ansonsten freue ich mich auf ein Pedelec und gehe davon aus, dass 2030 etwa 40-50% der Neufahrzeuge E-Fahrzeuge sein werden und eine beruhigende Ladeinfrastruktur in ganz Europa vorhanden ist.

Schade: Ich würde die E-Mobilität sogar noch höher ansiedeln, bei 60-70%. Zudem ändert sich in den Städten die Mobilität massiv, da wird das Sharing eine viel größere Rolle spielen. Ebenso die Multimodalität, die Verknüpfung mit anderen Verkehrsträgern und via Apps.

Walther: Aus der Nutzerperspektive vermute ich, dass wir unsere Mobilität völlig anders organisieren werden. Als Grundlage werden wir allerdings auch 2030 noch Infrastruktur brauchen. Und da werden wir uns ganz gewaltig anstrengen müssen, damit wir diese in einem Zustand erhalten, der all die schönen neuen Mobilitätsformen möglich macht.

Stefan Schwarz www.wvs.de

Fotos: Andrea Fabry

„Die Situation wird in den nächsten zehn Jahren kippen!“


Stephan Wunnerlich ist Experte für Elektromobilität bei der EnBW AG. Der Energieversorger engagiert sich seit 2009 in der Entwicklung von Ladeinfrastrukturlösungen von der Errichtung und dem Betrieb von Ladesäulen, bis hin zur Abrechnung der Ladevorgänge. In Baden-Württemberg betreibt die EnBW über 800 Ladepunkte und bis Ende 2017 entstehen an 119 Autobahnraststätten weitere Schnellladesäulen.

„Bei einer technologieoffenen Diskussion müssen wir uns mit Hybriden oder ähnlichen Technologien beschäftigen.“

Ralf Schairer ist Geschäftsführer der MiRO Mineraloelraffinerie Oberrhein GmbH & Co. KG, Deutschlands größte Raffinerie und eine der modernsten und leistungsfähigsten in Europa. Rund 1.000 Mitarbeiter veredeln in Karlsruhe für Phillips 66, Esso, Rosneft und Shell Rohöl zu hochwertigen Mineralölprodukten wie Benzin, Diesel, Heizöl, Propylen und Bitumen.

„In Städten wird sich die Mobilität massiv in Richtung Sharing und Multimodalität verändern.“

Dr. Wolfgang Schade ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der M-Five GmbH, einem Think-Tank für Mobilitäts- und gesamtwirtschaftliche Analysen. Er befasst sich seit Jahren mit der Entwicklung
möglicher alternativer Zukünfte der Mobilität sowie deren Auswirkungen auf wirtschaftliche, ökologische und soziale Strukturen.

„In Zukunft werden wir unsere Mobilität völlig anders organisieren.“ 

Prof. Dr. Christoph Walther ist einer der international führenden Verkehrsökonomen und berät u. a. das BMVI und die World Road Association. Er leitet das Entwicklungs- und Innovationszentrum der PTV Group. Das 1979 in Karlsruhe gegründete, global tätige Unternehmen entwickelt intelligente Softwarelösungen für Transportlogistik, Verkehrsplanung und Verkehrsmanagement.

Interviews im Wirtschaftsspiegel

Der Aufschwung setzt sich fort

Bruchsal hat in Sachen Mobilität einiges zu bieten. Auf den Spuren von Bertha Benz geht es in Richtung Zukunft und autonomes Fahren. Interview mit Cornelia Petzold-Schick, Oberbürgermeisterin Bruchsal.

 

Wie groß war die Freude über den Zuschlag des Testfeldes für autonomes Fahren? 

Die Freude war riesig, weil damit der Grundstein dafür gelegt wurde, dass in der Region Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden können. Man muss sich das mal vorstellen: Die Region Nordbaden, zwischen Karlsruhe, Heilbronn und Bruchsal setzt sich mit ihrem Antrag gegen die großen schwäbischen Automobilmetropolen durch. Das ist schon einzigartig. An dieser Stelle zolle ich ausdrücklich dem Verkehrsministerium Respekt, dass es sich ausschließlich durch fachliche Auswahlkriterien hat leiten lassen. Mein Dank gilt außerdem der Stadt Karlsruhe und dem Forschungszentrum Informatik, die hier hervorragende Arbeit geleistet haben und die Bruchsal als Juniorpartner die Möglichkeit bieten unsere Stärken einzubringen.

Jetzt ist Bruchsal aber nicht nur Teil eines großen Ganzen, sondern hat auch eigene Projekte ins Leben gerufen. Highlight ist mit Sicherheit der sogenannte efeuCampus. Was steckt dahinter?

Wir wollen auf dem Areal der ehemaligen Dragonerkaserne ein Innovationszentrum für „umweltfreundliche experimentelle urbane Güterlogistik“ einrichten. Die Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal
(WFG) und die Stadt Bruchsal haben verschiedene Industrie-, Forschungs- und Dienstleistungsinstitutionen hinter einem Projekt vereint. Auch bei diesem Zukunftsprojekt hat es sich ausgezahlt, dass wir eng mit Karlsruhe und der Technologieregion kooperieren. Für die Umsetzung dürfen wir nun auf Fördermittel aus Brüssel und Stuttgart hoffen.

An welchen Szenarien der Zukunft wird im efeuCampus künftig geforscht, was wird getestet?

Ziel dieses Projektes ist es, bei der Ver- und Entsorgung von Haushalten völlig neue Wege zu gehen. Wichtige Schlagworte sind: weniger Verkehr im Stadtquartier und mehr Flexibilität für die Bürger. Konkret ist ein Warenverteilpunkt am Eingang des Campus geplant. Dorthin liefern Paketdienste und andere die Güter des täglichen Bedarfs. Von dort aus geht es mit autonom betriebenen Robotern an die einzelnen Häuser. Diese neuartigen Fahrzeuge fahren geräuscharm und klimaneutral und könnten somit in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität leisten.

Im Bereich E-Mobilität, auch hier ist die Region Bruchsal mit zeozweifrei unterwegs ganz vorne mit dabei. Warum wurde dieses Projekt ins Leben gerufen?

Zeozweifrei unterwegs ist das größte E-Carsharingsystem in Baden-Württemberg außerhalb von Stuttgart. Rund 40 Elektroautos stehen an ebenso vielen Stationen in Bruchsal und den 12 umliegenden Städten und Gemeinden für Bürger und Unternehmen zur Verfügung. Die Region und insbesondere auch wir in Bruchsal machen uns Gedanken, wie wir die Mobilität der Zukunft sinnvoll gestalten können. Moderne Elektrofahrzeuge leisten einen wichtigen Beitrag, die Lärm und insbesondere die Abgasemissionen deutlich zu reduzieren. Carsharing ist dem Gedanken verpflichtet, dass ein Auto vielen Nutzern zur Verfügung
steht und dabei eine verantwortungsvolle Mobilität gefördert wird. Beide Ansätze haben wir im E-Carsharingprojekt integriert. Die Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal hat die Projektkoordination übernommen. Als deren Aufsichtsratsvorsitzende war es meine Idee, die Energie- und Wasserversorgung Bruchsal (ewb) für den dringend benötigten Ausbau der Ladeinfrastruktur einzubinden. Die Zukunft
der Mobilität ist elektrisch. Wir sind in der Region Bruchsal ganz vorne dabei. Darauf können wir wirklich stolz sein.

Cornelia Petzold-Schick , Oberbürgermeisterin der Stadt Bruchsal (Foto: Dominik Schmid)

Bruchsal ist in Bewegung und das nicht nur in Sachen E-Mobilität und autonomes Fahren – Bruchsal wächst sozusagen über sich hinaus. Steigende Einwohnerzahlen und zahlreiche neue Arbeitsplätze sprechen für sich. Worauf ist das zurückzuführen?

Ganz wichtig ist Bruchsals geografisch günstige Lage zwischen den Metropolen Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart. Wir sind das Zentrum einer Wachstumsregion und werden auch in Zukunft weiter wachsen, weil die Unternehmen investieren und weitere Arbeitsplätze entstehen. Bruchsal wächst aber auch, weil wir in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht haben: Wir sind eine attraktive Schulstadt und in Bruchsal gibt es ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot, das eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Bruchsal ist auch aufgrund seines hervorragenden kulturellen Angebots
für alle Altersgruppen interessant. Und nicht zuletzt finden die Menschen in Bruchsal, was es im Umland immer weniger gibt – eine sehr gute medizinische Versorgung und natürlich auch die gesamte Infrastruktur, die man sich im Alter wünscht, um möglichst lange selbständig bleiben zu können.

Welche Rolle spielt bei diesem Wachstum die TechnologieRegion und deren neue bzw. professionellere Ausrichtung?

Die TRK ist unser Gesicht in Europa – eine Plattform die dafür sorgt, dass Bruchsal und insbesondere auch unsere Unternehmen im europäischen Kontext wahrgenommen werden. Eine weitere Professionalisierung begrüße ich ausdrücklich, weil wir uns natürlich auch gegenüber anderen Regionen behaupten müssen und weil ich einen gewissen Nachholbedarf gegenüber unseren kommunalen und  regionalen Bemühungen erkenne. Wir haben die Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal vor einigen Jahren personell und konzeptionell neu aufgestellt und spüren bereits die Erfolge. Wir haben mit der Schaffung der Stelle einer Kommunalen Wirtschaftsfördererin auch die Voraussetzungen geschaffen, dass unsere Unternehmen einen zentralen Ansprechpartner haben, der sich ausschließlich um ihre Belange kümmert. Nun zurück zur TRK und zur Neuausrichtung: Besonders freut es mich, dass auch meine Vorschläge als Vorstand der TRK in diesem Prozess Berücksichtigung gefunden haben. Mit der
Neuausrichtung schließen wir nun einen Prozess ab, mit dem wir für die TechnologieRegion und damit auch für Bruchsal die Voraussetzungen für ein weiteres qualitatives und quantitatives Wachstum schaffen. Meine Botschaft ist deshalb: Der Aufschwung setzt sich fort.

STADT BRUCHSAL www.bruchsal.de

NETWORKING ROUND THE WORLD

Spannung ergibt sich aus dem Gegensätzlichen. In Baden-Baden heißt das: Aus Tradition und Innovation. Für die internationale Kultur- und Bäderstadt ein Grund mehr, sich den Herausforderungen der Digitalisierung nicht nur zu stellen, sondern darin auch eine Zukunftschance zu suchen. Interview mit Margret Mergen, Oberbürgermeisterin Baden-Baden.

 

IT, Digitalisierung und digitale Netzwerke sind heute in aller Munde. Ist Baden-Baden für die Herausforderungen der neuen digitalen Welt gut aufgestellt?

Als eine der renommiertesten Kultur- und Bäderstädte Europas war Baden-Baden schon immer eine Drehscheibe für den Informations- und Kulturaustausch. Waren es früher Salons, Parks und Alleen, in denen Politik und Wirtschaft ihre Informationen austauschten, sind es heute digitale Netzwerke und Kommunikationstechnologien, über welche die neuesten Informationen zu ihren Adressaten und Anwendern finden. Dabei die dramatischen Veränderungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, nicht als Gefahr, sondern als Herausforderung und Chance zu begreifen, ist der Weg, den Baden-Baden mit wachem Blick
auf diese Veränderungen gehen will. Als moderner Dienstleistungs- und Wirtschaftsstandort sehen wir uns durch das ständige Fortschreiten der Digitalisierung besonders gefordert. Die Bereitstellung der erforderlichen Infrastruktur und die Sensibilisierung unserer Unternehmen für die Chancen und Risiken der Digitalisierung gehören heute mit zu den Kernaufgaben der Wirtschaftsförderung und einer verantwortungsvollen Stadtentwicklung. Bereits Ende der 1990er Jahre begann Baden-Baden mit neun weiteren regionalen Städten bzw. Versorgungsbetrieben eine strategische Partnerschaft. Die
damals gegründete TelemaxX GmbH fokussiert sich hauptsächlich auf innovative und kommunikationsorientierte Firmen, die auf zukunftsweisende Verbindungen für Telefon-, Internet-, Video- und Datenanwendungen angewiesen sind. Gerade große Dienstleistungsfirmen wie Arvato Infoscore, Grenke Leasing, L'Tur oder Media Control, aber auch moderne Produktionsbetriebe, sind auf gut funktionierende, leistungsfähige und sichere Übertragungsnetzwerke angewiesen.

Margret Mergen , Oberbürgermeisterin der Stadt Baden-Baden (Foto: Stadt Baden-Baden)

Wo sieht sich die Stadt in dieser Entwicklung bzw. wie treibt die Stadt diesen Prozess aktiv voran?

Immer mehr sehen sich kommunalpolitische Entscheidungsträger in der Verantwortung, den Prozess der Digitalisierung aktiv mitzugestalten. Besonders in den großen Städten werden in den Verwaltungen erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen bereitgestellt, um die Wirtschaft für die Anforderungen der Digitalisierung zu sensibilisieren. Aber auch kleinere Städte, wie Baden-Baden, müssen sich trotz begrenzter Ressourcen dieser Herausforderung stellen. Dabei sind es weniger die großen Unternehmen, die um die Chancen und Risiken der Digitalisierung noch zu wenig wissen. Es sind vielmehr die kleinen und mittleren Betriebe, denen oftmals der Zugang zu diesem Thema fehlt, weil kompetente Ansprechpartner nicht vorhanden sind oder ihnen im Alltagsgeschäft schlicht weg die Zeit für zusätzliche
Aufgabenstellungen fehlt.


Durch unsere Allianz mit dem CyberForum e.V. wollen wir diese Angebotslücke schließen. Das CyberForum Süd versteht sich als eine Angebotserweiterung für Unternehmen in der südlichen TechnologieRegion. Es richtet sich an Unternehmen aus der IT- und Hightech-Branche, der Medien- und Kreativwirtschaft, dem produzierenden Gewerbe und dem Finanzdienstleistungssektor. Zusammen mit dem Digitalen Innovationszentrum wird es die Digitalwirtschaft im Stadtkreis Baden-Baden und in der Region unterstützen und dabei helfen, sich weiter zu entwickeln.

Wo sieht sich die Stadt selbst durch den digitalen Wandel gefordert?

Die Digitalisierung betrifft die Kommunen in nahezu allen Bereichen: soziales Zusammenleben, Mobilität, Energieversorgungssysteme, Einzelhandel, Bauleitplanung oder medizinische Versorgung. Die „smarte“ Stadt ist für die moderne Stadtentwicklung Thema und Herausforderung zugleich. Die Fragen wie wir künftig mit unseren Bürgern kommunizieren, wie wir den wachsenden Verkehr in unseren Innenstädten organisieren und wie wir den Energiebedarf unserer Städte möglichst klimaneutral decken, müssen vor dem Hintergrund der Potentiale und Chancen der Digitalisierung beantwortet werden. Als Beispiele: innerhalb ganz kurzer Zeit haben wir hier in Baden-Baden alle publikumsintensiven öffentlichen Plätze mit kostenlosem WLAN unter BADEN-WLAN ausgestattet. Inzwischen wird dieses System innerhalb der Region ebenfalls unter Baden-WLAN angeboten. Oder: die TechnologieRegion konnte aus dem Landeswettbewerb RegioWIN als einer der Gewinner hervorgehen. Mit unserem Leuchtturmprojekt RegioMOVE
wird die gesamte TechnologieRegion zur „Modellregion für multimodale Personenmobilität. Baden-Baden wird sich aktiv als Partner an diesem Prozess beteiligen und somit innovative Impulse für das Mobilitätsverhalten unserer Bürger setzen.

STADT BADEN BADEN www.baden-baden.de

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